Von Werten und dem Wandel

Gedanken aus dem Waldorfkindergarten Brüder Grimm in Wittlich


Ende des Jahres 2020 hielt der Wandel Einzug in unseren Kindergarten und läutete den Beginn großer Veränderungen ein. Es begann der Weg in eine neue Generation. Unsere liebe Erzieherin Martina Werland trat nach 11 Jahren einen bedeutsamen Schritt zurück und gabe viele ihrer Stunden ab. Wir danken ihr von Herzen. So entstand Platz und Raum für Alex Eidelman, den wir nicht mehr missen möchten. Im Folgenden lädt das Team zur Spurensuche ein, teilt mit uns persönliche Gedanken zu dem unsere Zeit stetig durchwebenden Thema Wandel. von Christina Bures


Bild: pixabay.com/jplenio

Martina Werland | Erzieherin

„Nur im Wandel können wir werden,

nur im Vergehen kann Neues entstehen.“


M. B. Hermann

Wandel bedeutet für mich Loslassen von Liebgewonnenem über viele Jahre.

Gleichzeitig blicke ich dankbar zurück auf eine bereichernde Zusammenarbeit mit Kollegen und Eltern in dieser Zeit, sowie auf das Bemühen um eine gute Lösung für Alle zu Beginn unseres Generationen-Wandels.

Anne Weyer | Erzieherin

Einerseits bedeutet Wandel für mich etwas Normales/Alltägliches. Es gehört einfach zum Leben dazu. Wandel ist Leben. Wandel bietet Chancen, Neues kann entstehen. Wandel ist Bewegung, es gibt keinen Stillstand.

Andererseits können mit dem Wandel auch Unsicherheiten, Ängste entstehen. Es ist ein Loslassen müssen/können/dürfen von Gewohnheiten/alten Strukturen.

Ein buddhistisches Sprichwort besagt:

„Das, was wir heute sind, folgt aus Gedanken, die wir gestern pflegten, und unser gegenwärtiges Denken baut unser Leben, wie es morgen ist.“

Katharina Klühspies | Erzieherin


„Es wächst viel Brot in der Winternacht,

wenn unter dem Schnee frisch grünet die Saat.

Erst wenn im Lenze die Sonne lacht,

spürst du was Gutes der Winter dir tat.

Und ist die Welt dir öd und leer,

und sind die Tage dir rau und schwer,

sei still und habe des Wandels acht,

es wächst viel Brot in der Winternacht.“


Friedrich Wilhelm Weber (1813 - 1894)

Dieser Spruch, den wir im Winter im Kindergarten sprechen, vermittelt uns, dass der Winter keine Zeit der überflüssigen oder verschwenderischen Aktivität sein sollte.

Alle Dinge der Schöpfung leben eingeschlossen und (die Ernte) wird (im Winter) gespeichert.


Die Menschen haben das Bedürfnis, sich behaglich und warm einzukuscheln und wenig Energie zu verbrauchen. Viele Tiere ziehen sich zurück im Winterschlaf.

Der Schnee bedeckt die Erde und beschützt die Lebens-Essenz, die im Frühling zu neuem Leben erwacht. Es ist eine Zeit der Regeneration und Wandlung.


Auf uns Menschen und unsere Gesundheit bezogen bedeutet diese „Winterruhe“ das Bewahren unserer eigenen Ressourcen und einen sparsamen Umgang mit unserem Energiehaushalt im Winter.


So können wir neu verwandelt im Frühling neu erblühen und in voller Kraft, Energie und Schönheit das bewältigen, was kommen mag, und in den Sommer einziehen, immer in dem Wissen, dass das einzig beständige in unserem Leben der Wandel ist, bis wieder der Herbst kommt, auf den der nächste Winter folgt.

Alex Eidelman | Erzieher


Wandel – Transformation: Das Wort Transformation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet, dass sich etwas in seiner Form ändert. Man könnte sich vorstellen, wie durch Bewegung eine neue Form entsteht. Im medizinischen Bereich ist die Bewegung, als Ausgleichsmöglichkeit sehr geschätzt. Gleichzeitig ist man oft ängstlich, wenn "neue Bewegungen" ins Leben treten (Änderungen im Leben: neue Situationen, neue Strukturen.) Alle diese Sachen, die uns Aufregung und oft Unruhe bringen, schaffen meistens ihren Ausgleich. Dadurch entsteht eine Transformation, die eine neue Form zu etwas gibt. Dafür muss immer etwas sterben und verschwinden, das vielleicht und oft wieder auftaucht in einer neuen transformierten Form.

Judith Dausend | Waldorf-Kindergärtnerin

„Geht der Sommer zur Neige,

Umfange sein Licht in dir.

Siehe, von Wende zu Wende,

Treu im Wandel ohn‘ Ende,

Erkennen uns selber wir.

Lebens-Sinn Stufen ersteige.“


Helmut von Kügelgen, 1970

Wenn wir mit den Kindern die Natur erleben, uns mit ihnen wahrhaftig Zeit nehmen, sich der Natur gegenüber zu öffnen, indem wir z. B. nach dem Ostergras säen gemeinsam entdecken, wie so ein kleiner Samen sich plötzlich verändert, nachdem wir ihn gepflegt, ihn in die Erde gelegt, mit Wasser benetzt und ihm Sonnenlicht zugeführt haben. Die Kinder verfolgen das entstehende Wachstum der Pflanze. Ist es nicht ein Wunder von Wandlung, dass die ganze Pflanze in diesem kleinen Samenkorn lebt, oder in der Eichel der ganze Baum mit seinen verschiedenen Wachstumsphasen? Oder wenn im Frühling die Käfer herumkrabbeln, ein kleines Schnecklein mit seinem Haus über die Wiese kriecht...

Staunen,Freude, Hinwendung, Kontaktaufnahme, und die Begegnung berührt etwas im Innern der Kinder. Die Langeweile ist vorbei. Der Impuls kommt, ein kleines Gärtlein für das Tier zu bauen, weitere Schnecken zu suchen und sie zu ihrem Freund zu bringen. Daran gewachsen zu sein, die Schnecke auf dem Handrücken kriechen oder einen Käfer in seiner Hand herumkrabbeln zu lassen. Was wird sich daraus weiter bei dem Kind verwandeln? Geht es dadurch achtsamer durch das Leben, baut eine Beziehung zu seiner Umgebung, zu Tieren, Pflanzen auf? In der Begegnung mit der Natur werden die Lebensprozesse intensiv aktiviert.

Und die Märchen der Brüder Grimm. Sie sprudeln nur von Bildern, die über Verwandlungen, Entwicklungswege des Menschen erzählen. Es wird Mut und Willenskraft gebraucht, wenn man sich auf die Suche nach neuen Wegen aufmacht. Und was begegnet einem alles, wenn man sich im Vertrauen dem Fremden öffnet, seinem inneren Impuls folgt. Da sind auch immer wieder Helfer, die den eigenen Entwicklungsweg unterstützend begleiten. In diesen Bildern wird unser Werdewille wachgerufen, unsere Ich-Quelle aufmerksam – die Liebe zum Guten. Diese Bilder wachsen mit, helfen uns, uns selber zu erkennen und zu erleben, Freude am Tun und an der eigenen Entwicklung zu haben.


So ist es für mich etwas Wunderbares mit Kindern sein zu dürfen. Diese Lebendigkeit, Freude, das Staunen und ihr Urvertrauen wecken in mir den Impuls, mich immer wieder in die Geisteshaltung zu bringen – ein Werdender zu sein und vor allem auch jedes Kind als einen Werdenden zu erleben. Darin mich täglich zu üben ist mein Weg.

Unser eingruppiger Waldorfkindergarten steht in den kommenden vier Jahren vor einem Generationenwechsel (vier Erzieherinnen beginnen aufgrund ihrer Rente eine neue Lebensphase). Ein großer Wandel steht somit an. Mit Offenheit für das Neue, Visionen, Freude, Mut, viel Tatkraft und Staunen werden wir den Raum bereiten für das Zukünftige.

Möchten Sie einer der Mitgestalter für unsere Kinder sein?


"Dem Vergangenen Dank, dem Kommenden Ja!"


Dag Hammarskjöld (1905-1961

Sigrid Beek | Leitung des Kindergartens

Wandel ist etwas Allumfassendes, etwas Ständiges, etwas Natürliches. Es ist Entwicklung und gehört zum Leben wie die Geburt, der Tod, die Jahreszeiten. Die Schöpfung lebt es uns vor, die Ruhe- und Blütephasen, die Wärme und Kälte. Wenn etwas sich wirklich wandelt, sich entwickelt, kann es auch niemals mehr so werden, wie es vorher einmal war. Hautnah erlebe ich das bei meinen Kindern mit, wie sie wachsen und sich entwickeln.

Auch ich selbst will weiterkommen und nicht dort bleiben, wo ich bin. Hier wird mir schnell langweilig. Deshalb freue ich mich über den Wandel, der aktiv ist, den ich selbst gestalten kann. Auf den anderen, den ich passiv erlebe, der mich bewegt, muss ich mich immer wieder, oft sehr schnell, neu einstellen. Dieser Wandel geschieht häufig unmerklich, schleichend.

Wandel bezeichnet für mich daher insbesondere auch die prinzipiell unvorhersehbaren Veränderungen, die ich als einzelner Mensch erlebe, oder die eine Gesellschaft in ihrer sozialen und kulturellen Struktur über einen längeren Zeitraum erfährt.

Technischer Wandel

Mit der weltweiten Vernetzung schreitet auch die Globalisierung voran, die dazu führt, dass Raum und Zeit unbedeutender werden, sowie Wissen bzw. Dienstleistungen vermehrt ausgetauscht werden. Forscher bezeichnen eine solche Gesellschaft als Informations- oder Wissensgesellschaft, manche nennen sie Dienstleistungs- oder postindustrielle Gesellschaft. Alle führen die Zunahme von Wissen bzw. Information als entscheidendes Merkmal an.

Damit verbunden sind Veränderungen der Arbeit, aber auch im Privaten besteht z. B. die Möglichkeit, über soziale Netze weltweit Freundschaften aufzubauen.

Wandel der Arbeit

Es haben sich die Einstellung zum Berufs- und Privatleben und die Vorstellungen bezüglich der beruflichen Karriere grundlegend verändert. Während früher Arbeit hauptsächlich zum Broterwerb diente, suchen Menschen heute zunehmend die persönliche Selbstverwirklichung oder Weiterentwicklung im Job. Sie wollen, umgeben von netten Kollegen, Spaß bei der Arbeit haben und wertgeschätzt werden. So sind jüngere Fachkräfte zwar sehr leistungsbereit, fordern allerdings zugleich auch mehr, da sie viele Alternativen haben. Interessant wird Arbeit nicht allein durch das Gehalt, sondern ebenso durch ein gutes Betriebsklima, spannende Arbeitsinhalte, Leistungsanerkennung, Ausgewogenheit von Arbeit und Leben, Entwicklungsmöglichkeiten, die Möglichkeit zu selbstständigem Arbeiten und Karriereoptionen.

Wandel der Familienstrukturen

Die Menschen wurden in den letzten Jahrzehnten unabhängiger von ihren Familien, woraus ein allgemeiner Trend zur Individualisierung folgte. Zuvor galt die Familie als wichtiger Anker für Individuen, um mit den gewandelten Bedingungen gut fertig zu werden. Doch die Familienverhältnisse und das allgemeine menschliche Beziehungsgefüge haben sich verändert und sind komplexer geworden. Es entstehen verschiedene Lebensformen wie z. B. Lebensabschnittspartner, Wochenend-Ehen und Patchworkfamilien. Es ist nicht mehr klar, wer mit wem wie lange zusammenbleibt, wer mit wem welche Kinder aufzieht, wer wen wann und wie lange pflegt oder ob jemand im Alter überhaupt gepflegt werden will. (…) Es ist nicht mehr klar, wer morgens die Brötchen holt, schmiert, geschweige denn wer sie für wen verdient. Es gibt vermehrt kinderlose Paare, Singles bzw. hohe Scheidungsraten – Lebenssituationen, die viele Menschen überfordern oder belasten. Der Wandel der Familie hängt stark mit dem Wandel der Geschlechterrollen zusammen.

Wandel der Rollenbilder

Die Rolle der Frau ist nicht mehr ausschließlich auf Erziehung und Haushalt beschränkt, d. h. Frauen gehen vermehrt arbeiten. Dadurch dass immer häufiger beide Partner berufstätig sind, spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine immer größere Rolle. Immer mehr Männer wollen in Haushalt und Familie aktiv mitgestalten.

Selbstbestimmter Wandel

Für beide Geschlechter besteht die Freiheit, viele Chancen und Wege der Selbstverwirklichung in allen Lebensbereichen zu ergreifen. Damit entstehen jedoch auch Schwierigkeiten, denn – auch wenn die Freiheit gewollt ist – überfordern die schier unendlichen Entscheidungsmöglichkeiten viele Menschen. Seit den 1970er Jahren gilt zudem die eigene Entwicklung als persönliche Angelegenheit. Aus dem standardisierten Lebenslauf entwickelte sich eine Wahlbiografie: Jeder entscheidet selbst, wie er leben möchte und welchen beruflichen Weg er einschlägt.

Angst vor dem Wandel

Fast jeder hat zwar die Option, selbstbestimmt sein Leben zu gestalten, muss allerdings dafür auch ständig Entscheidungen treffen. Nicht selten entwickeln sich daraus Zukunftsängste und die Sorge, zu scheitern. Menschen entwickeln Angst vor dem Wandel. Sie haben Angst zu scheitern und haben Angst vor der Zukunft. Sie leisten Vorsorge, um zukünftigen Problemen zu entgehen. Da sie allerdings nicht wirklich wissen, was in Zukunft stattfinden wird, bleibt das Leben unkalkulierbar. Dementsprechend führen heutige Entscheidungen zu Konsequenzen in der Zukunft, die so nicht beabsichtig waren. Doch es kann nur das selbstbestimmt entscheidende Individuum verantwortlich gemacht werden. Die daraus resultierende Unsicherheit des Individuums und die Angst vor Fehlentscheidungen wachsen weiter - bei gleichzeitig wachsendem Bedürfnis nach Sicherheit. Einer anderen Sicherheit.

Wertewandel

Meine Generation ist geprägt von Werten wie Leistung, Disziplin, Kollegialität, Sicherheitsdenken und der Suche nach Beständigkeit. Die jüngere Generation relativiert zunehmend diese traditionelle Sichtweise und orientiert sich eher an der Freude an der Arbeit, schöpft in der Kreativität die Motivation für Leistung. Entschleunigung und Individualisierung sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf treten stärker in den Vordergrund, geben Sinn und Beständigkeit. Neben Bedürfnissen wie Geld und Macht, welche bevorzugte Motivationsanreize der Industriegesellschaft waren, geht es somit in der heutigen Informationsgesellschaft um Faktoren wie sinnstiftende Tätigkeit, Mitwirkung, soziale Anerkennung. Die Neubewertung von Arbeit ergibt sich aus den veränderten gesellschaftlichen Werten.


Demographischer Wandel

Derzeit sind fünf Generationen gemeinsam berufstätig, die jeweils unterschiedlich sozialisiert wurden und von anderen Erfahrungen geprägt sind, entstehen dementsprechend unterschiedliche Erwartungen und Verhaltensweisen. So gelangen Wertevielfalt und viel Bewegung in unsere Arbeitswelt. Bisherige Regeln und Routinen gelten nicht mehr zwingend, werden verhandelbar. Die verschiedenen Vorstellungen und Ressourcen, sowie unterschiedlichen Risikofaktoren und Bedürfnisse, ermöglichen interessante und fruchtbaren Prozesse, wenn sie wohlwollend und mit allseitiger Akzeptanz betrachtet werden. Es ist an uns, unsere Toleranz zu kultivieren und sie als Teil unseres Wandels zu verstehen.


Wandel gehört zum Leben

Schon die alten Germanen wussten es. Die Rune Isa (das Eis) bedeutet den Aspekt der scheinbaren Stagnation für den oberflächlichen Betrachter. Doch Veränderung ist im Keim bereits angelegt und sie wird sich bald zeigen. Sie wussten, dass Geduld notwendig ist und die Ahnung des Wandels Gewissheit wird. In diesem Wissen waren sie tätig.