Digitalisierung: Sprengstoff im Gehirn

Smart in die Steinzeit? Die Wirkungen der digitalen Medien auf die Gehirnentwicklung ist verheerend, zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse. Wo gilt es anzusetzen? Text nach iDISORDER im DIGI-TAL von Peter Hensinger & Gertraud Teuchert-Noodt, Stuttgart / Kiel, im Oktober 2018. Der Artikel erschien im Keime-Heft 1/19, S. 9


Wir sind Zeitgenossen der digitalen Transformation der Gesellschaft und können sie noch mit beeinflussen. Deutschlandweit werden derzeit die Infrastrukturen für Smart Citys aufgebaut, vernetzte Städte und Unternehmen, in denen der programmierte Datenfluss die Organisationsstruktur und politische Steuerung enthält. Die Daten für dieses Big Data-System liefern wir selbst. Das hat Folgen für die Demokratie, die Umwelt, das Gehirn und damit für die Entwicklung des Individuums.


Die weltweite digitale Transformation wird mit übertriebener Begeisterung (Hype) vermarktet, Kritiker werden in die Ecke der Fortschrittsverweigerer gestellt. Eine Technikfolgenabschätzung findet nur am Rande statt, wird von einer mächtigen Lobby behindert. Denn es ist ein Milliarden Euro Geschäft mit dem Motto: Digital First. Bedenken Second.


Im Reader iDISORDER im DIGI-TAL werden Aspekte der Folgen analysiert. Schwerpunkt ist die „Digitale Bildung“. Frage: Was sind die Ursachen für die Smartphone- und Internetsucht und die zunehmenden Sprach-, Lern-, Aufmerksamkeits- und Verhaltens-störungen? Die Hirnforschung hat Antworten. Bei Frau Prof. Getraud Teuchert-Noodt in „Die Entwicklung des kindlichen Gehirns“ heißt es: 

So sensitiv und selbstregulativ Nervennetze im kindlichen Gehirn sind, so verwundbar sind sie auch gegenüber Stress. Keine technische Errungenschaft der Kinderspielwaren-Industrie hat eine derart große Begehrlichkeit an sich wie digitale Medien mit ihrer unnatürlich hohen Eigendynamik. Die daraus hervorgehende Beschleunigung von Raum & Zeit wirkt wie Sprengstoff auf die in Reifung befindlichen Nervennetze.

Zu kurz gegriffen ist das Argument, dass Bewegungsmangel die ausschließliche Schuld am Leistungsabfall der digitalisierten Jugend trage. Nein. Digitale Medien schlagen mit besonderer Härte auf die Verrechnung von Raum & Zeit auf limbischer Ebene zu. Es können sich neuropsychiatrische Störungen wie autistoide Symptome, Angst- und Suchtstörungen und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen anbahnen. Die diesbezügliche Hirnphysiologie ist gut erforscht.


Baby-Apps und Tablets wirken wie eine schallende Ohrfeige auf die Reifung höherer Funktionen, die den digitalen Verführungen nicht gewachsen sind. Es könnten sich frühzeitig Symptome einer „Luxusverwahrlosung“ anbahnen. Auch im Kindes- bis Jugendalter bleibt dem Belohnungssystem gar nichts anderes übrig, als sich in digitale Medien wie Smartphones und Computerspiele zu verlieben, also in die technischen Spielsachen, die jegliche Raumverrechnung beschleunigen. Wie beim Drogenmissbrauch ist für physiologische Fehlsteuerungen ein progressiver Verlauf zu erwarten.

Wir alle müssen uns mit diesen biologischen Grundlagen der Gehirnentwicklung beschäftigen. Hoffentlich ist es dafür nicht zu spät! Wir können aber schon der Zukunft unserer Kinder wegen nicht aufgeben.


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Der Reader als Download: www.diagnose-funk.org/%20publikationen/diagnose-funk-publikationen/dokumentationen Herausgeber: diagnose:funk e.V. Stuttgart www.diagnose-funk.de


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