Seele und Geist nicht ausblenden

Die Pandemie hält die Welt weiter in Atem. Diskussionen und Nachrichten über Inzidenzen, Ausgangssperren und den Tod reduzieren den Mensch in seiner blühenden Einzigartigkeit hin auf rein überprüfbare Fakten. Über diese Tendenz hinaus weiterhin allumfassend zu denken, dazu möchte dieser Artikel anregen. Den einzelnen Menschen als schöpferisches Wesen zwischen Himmel und Erde zu sehen. Ein Gedankengang von Thorsten Hartmann

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„Ach, Du bist`s, lebst Du auch noch?“ freute sich mein Gesprächspartner am Telefon. Zuerst hatte ich etwas anderes auf den Lippen, aber dann war ich nur ironisch: „Wie Du hörst“. Später dachte ich, dass er genau ins Schwarze getroffen hatte. Er hatte mich gemeint, nur mich. Meine Wirklichkeit, meinen Zustand. Er hatte nicht die Denkschablone angelegt, die gegenwärtig wie ein Netz über alle geworfen wird und mit der seit einem Jahr Menschen gewichtet und eingeordnet werden.


Anfangs war das noch in Ordnung, doch nach und nach wurde daraus eine Orgie. Abstrakte Zahlen, Statistiken und Kennziffern liegen wie Blei über dem Leben. Der Einzelne ist für seine Nächsten unsichtbar, solange er nicht erkrankt - und dann wird er nicht als Mensch sichtbar, sondern als Messgröße.


Ungezählte demokratische Diskussionsrunden befassen sich zur Schande der Talkmaster*innen allein damit. Großer Schaden wird so unserer Gesellschaft zugefügt, weil wir uns auf dem Gebiet der Zwischenmenschlichkeit angewöhnen, in Maß, Zahl und Gewicht zu denken. Speziell der Demokratie ist das nicht besonders dienlich, weil zu oberflächlich.


Wir entfernen uns allmählich, nein, rasant von der Wirklichkeit, von der Wirklichkeit des Individuums, auf dem Inzidenzwerte und statistische Zahlen aufbauen. Sie sind für politische Entscheidungen unerlässlich, doch liegt eine Gefahr in der Aneignung statistischer Denkgewohnheiten und deren Übertragung auf das gesamte Leben einschließlich der inneren Gefühlswelt: Wir verlieren den Blick für das Individuum.


Diese Denkgewohnheiten gehören nicht ins Zwischenmenschliche. Dort muss man ins Einzelne gehen, den Einzelnen betrachten. In der Masse ist das natürlich unmöglich, weswegen auch jeder Mitmensch aufgefordert ist, sich stets um einen anderen zu kümmern, nicht erst dann, wenn es ihm (selbst) schlecht geht. Daraus, und nur daraus, entwickelt sich Neues. Das kann allerdings nicht mehr statistisch erfasst werden. Das Zwischenmenschliche ist aber da, so banal das auch klingt, es existiert und es entwickelt die Gesellschaft weiter.


Mehr und mehr zeigt sich als Folge der Pandemie: Wir bestehen zwar aus ähnlichen, materiell messbaren Körpern, doch auch aus nur individuell zu verstehenden (immateriellen) Seelen und unserem Geist. Mit dem sollten wir in der gegenwärtigen Pandemie unsere zwischenmenschliche Bande knüpfen. Mit ihm erkennen wir, wie alles ineinander greift, und auch, dass man uns Menschen nicht über einen Kamm scheren kann. Wir sind und bleiben Individuen! „Ach, Du bist‘s, erzähl mir doch mal, wie es Dir geht und wie Du das alles erlebst“.