Schule gemeinsam gestalten

Anregung zum Austausch zwischen dem öffentlichen Bildungssystem und der Waldorfpädagogik

Bild: pixabay.com


Die Redaktion von „Keime für die Zukunft“ unterstützt mit dieser Veröffentlichung eine Diskussion, die auf einer Initiative aus unserer Region fußt, aber über unsere Grenzen hinaus reicht. Der folgende Beitrag ist von Frau Andrea Fathy, die im Saarländischen Bildungsministerium an ministeriellen Prozessen mitarbeitet.


Ihr Text ist eine Antwort auf einen Artikel von Valentin Wember in der Anthroposophie, der Vierteljahresschrift zur anthroposophischen Arbeit in Deutschland Nr. 291 mit dem Titel Warum freies Geistesleben.


Valentin Wember führt darin aus, dass das staatliche Schulsystem, so wie er es versteht, gegen die Menschenwürde der Kinder verstoße, da es sich an den Vorgaben der Wirtschaft orientiere und Kinder als Mittel zu diesem Zweck behandele. Er entwickelt daraus die Schlussfolgerung, dass immer mehr Menschen einsehen müssten, dass es keine gute Idee sei, wenn Staat und Politik das Bildungssystem steuerten.

Frau Andrea Fathy las diesen Artikel, nahm diese alte Diskussion der beiden Schulformen wieder auf und verfasste ihre Sichtweise, diesmal aus der Perspektive des öffentlichen Schulsystems in gleichzeitig tiefer Verbundenheit zur Waldorfpädagogik. Ihr Beitrag erschien bereits in der Johanniausgabe der Anthroposophie als Leserzuschrift. Sie fragt:


Ist es nicht möglich und an der Zeit, dass die Waldorfpädagogik sich öffnet, Verantwortung übernimmt und sich in einen konstruktiven Austausch mit denjenigen begibt, die im öffentlichen Schulsystem Verantwortung tragen und die in öffentlichen Schulen tätig sind?


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Sehr geehrte Damen und Herren,

Zu dem oben genannten Artikel [von Herrn Valentin Wember] möchte ich mir erlauben einige Anmerkungen zu machen bzw. Fragen zu stellen, die mich beim Lesen stark bewegt haben.

Ich selbst bin seit über 30 Jahren stark mit der Anthroposophie, der Waldorfpädagogik und auch mit den Waldorfschulen im Saarland persönlich verbunden. Seit 8 Jahren arbeite ich im saarländischen Bildungsministerium im Förderschulreferat und bin als „Landesfachberaterin für sonderpädagogische Unterstützung an Gemeinschaftsschulen“ damit betraut für Schülerinnen und Schüler, die eine besondere pädagogische Förderung brauchen, geeignete Schulplätze zu finden bzw. Schulen beim Umgang mit diesen Schülerinnen und Schülern und bei deren Unterrichtung zu beraten.


In diesem Zusammenhang bin ich auch in ministerielle Prozesse einbezogen, wenn es z. B. um Leistungsbewertung1, Regelungen der Versetzung, Gestaltung von Zeugnissen geht. So konnte ich in den vergangenen Jahren miterleben, wie die Kollegen im Ministerium (überwiegend erfahrene Lehrerinnen und Lehrer) darum gerungen haben die rechtlichen Grundlagen zu erarbeiten, die es ermöglichen für Schülerinnen und Schüler eine Schule zu schaffen, in der sie ihre Persönlichkeit entwickeln und entfalten können, in der ihre individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten berücksichtigt werden und in denen Lehrerinnen und Lehrer größtmöglichen Freiraum erhalten um in diesem Sinnen zu unterrichten. Konkret bedeutet dies, dass Noten in der Grundschule bis Klasse 3 ausgesetzt werden und Verbalzeugnisse gegeben werden 2.


In den Gemeinschaftsschulen erfolgt bis zur Klasse 8 eine Regelversetzung. Auch können Verbalzeugnisse zusätzlich zu den Notenzeugnissen gegeben werden. Zudem bietet die Gemeinschaftsschulverordnung 3, was die Ausgestaltung der Stundentafel betrifft, größtmögliche Gestaltungspielräume für jede Schule, so dass z.B. Epochenunterricht möglich ist und auch inhaltlich Raum für künstlerische Aktivitäten, Gartenbau, Theaterspiel... besteht.


Für Kinder mit besonderem Förderbedarf sind im Rahmen der Inklusionsverordnung 4 regelmäßige Kinderbesprechungen in Form von Klassenkonferenzen bzw. „Runden Tischen“ mit allen am Erziehungs- und Förderungsprozess des Kindes Beteiligten vorgesehen und werden auch durchgeführt. Von der Qualität und der Wirksamkeit dieser Maßnahme konnte ich mich selbst schon häufig überzeugen.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir das Urteil von Herrn Wember am staatlichen Schulsystem als sehr pauschal und wenig differenziert. Unbestritten stand der Impuls das öffentliche Schulsystem staatlich zu kontrollieren im Zusammenhang mit staatlichen Interessen. Es ist aber offensichtlich auch im staatlichen Interesse, dass es Waldorfschulen gibt. Denn zumindest in Deutschland räumen die Privatschulgesetze der Bundesländer den Waldorfschulen einen erheblichen Freiraum ein und übernehmen auch einen wesentlichen Teil der Kosten und sichern damit deren materielle Existenz.

Wenn ich nun den Artikel von Herrn Wember so lese, dass das staatliche Schulsystem gegen die Würde des Menschen verstößt, lese ich aber auch heraus, dass es den Waldorfschulen gelingt diese Würde zu achten durch ihre Organisationsform (selbstverwaltet) und ihren Unterrichtsansatz, bei dem die Achtung der Individualität des Einzelnen im Vordergrund steht.

Nun ist es aber nur ein Bruchteil der Schülerschaft in der Bundesrepublik, die eine Waldorfschule besucht. Was ist mit der Würde all der anderen Schülerinnen und Schüler? Herr Wember zieht beispielhaft immer wieder die zukünftigen Ingenieure und Techniker heran um derentwillen das Schulsystem sich so gestalte wie es ist.


Gerade aber für die Schülerinnen und Schüler der Grundschulen, Förderschulen und Gemeinschaftsschulen geht es um ganz andere, existenzielle Fragen: wie kann Schule deren individuelle Entwicklung fördern? Was brauchen die Schülerinnen und Schüler von ihrer Schule um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln?


Um diese Fragen wird auch in den öffentlichen Schulen und im Bildungsministerium gerungen. Die oben beschriebenen Ansätze (Verbalzeugnisse, Kinderbesprechung, Regelversetzung…) sind aus diesem Ringen entstanden, ohne dass es einen unmittelbaren Kontakt zur Waldorfpädagogik gab. Mein Eindruck ist, dass sich öffentliches Schulsystem und Waldorfpädagogik den gleichen Fragen aus unterschiedlichen Richtungen nähern und zu ähnlichen Lösungen kommen.

Mir stellt sich immer wieder die Frage, weshalb es nicht zu einem konstruktiven Austausch zwischen der Waldorfpädagogik und dem öffentlichen Schulsystem kommt. Aus meiner Perspektive halte ich das für möglich. Die Waldorfschulen erlebe ich in diesem Punkt als eher zurückgezogen, vielleicht misstrauisch oder unsicher. Ich habe den Eindruck, dass es auch ein elementares Kommunikationsproblem gibt, das damit zu tun hat, dass die beiden Systeme zu wenig übereinander wissen.


Herr Wember hält die Befreiung des Geisteslebens und insbesondere des Bildungssystems für die mit Abstand wichtigste Voraussetzung für eine Gesundung der Gesellschaft. Dem stimme ich voll zu. Aber wie soll sich eine Befreiung vollziehen, wenn der mutmaßliche Befreier sich nicht mit dem vorhandenen Bildungssystem auf Augenhöhe auseinander setzt?


Es geht dabei nicht darum öffentliche Schulen zu Waldorfschulen zu machen. Dazu würde es allein schon an entsprechend ausgebildeten Lehrern fehlen. Wobei die Lehrerbildung ein weiterer Punkt ist, bei dem ein Austausch zwischen Waldorfpädagogik und staatlicher Lehrerausbildung für beide Seiten fruchtbar sein könnte.

Wenn es den Vertretern der Waldorfpädagogik um die Würde aller Schülerinnen und Schülern geht, dann sollte es ihnen ein Anliegen sein sich mit dem öffentlichen Schulsystem differenziert und unmittelbar auseinander zu setzen und die Ansatzpunkte zu finden und zu schaffen, an denen konkret ein gegenseitiger befruchtender Austausch entsteht im Interesse und im Respekt und der Achtung vor ALLEN Schülerinnen und Schülern.

Ich würde mich über jede Form der Rückmeldung zu dieser Frage freuen. Vielleicht gibt es ja bereits Kooperationen, Kontakte, Austausch in der von mir beschriebenen Weise.


Andrea Fathy


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1 https://www.saarland.de/dokumente/thema_bildung/Erlass_zur_Leistungsbewertung_2017.pdf

2 http://sl.juris.de/sl/gesamt/GrSchulZeugnO_SL.htm#GrSchulZeugnO_SL_rahmen

3 http://sl.juris.de/sl/gesamt/GemSchulV_SL_2012.htm

4 http://sl.juris.de/sl/gesamt/SchulInklV_SL.htm#SchulInklV_SL_rahmen


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Sowohl Frau Fathy, als auch die Redaktion der Keime für die Zukunft sind bereit, Begegnungen für einen zeitgemäßen Austausch zu unterstützen, deren Grundfrage lauten könnte:


Wie kann das Schulsystem im Rahmen seiner rechtlichen Möglichkeiten und Freiheiten sich so weiterentwickeln, dass es eine angemessene Antwort auf die Erfordernisse und Bedürfnisse ALLER Schülerinnen und Schüler in der heutigen Zeit gibt?

Initiative „Keime für die Zukunft“

V.i.S.d.P. Christian Schwartz
und
Axel Stirn

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