Leichte Steine am Hals - Schmuckdesign in Coronazeiten

Ein Interview mit Pia Groh, Schmuckgestalterin in Saarbrücken. Fotos: Lilli Breininger, Text: Axel Stirn.


Der erste Lockdown traf Pia Groh an empfindlichster Stelle. Die Schmuckgestalterin stellt edle Ketten aus feinen Achatringen her. Sie erscheinen mit flüchtigem Blick aus Plastik gefertigt. Sobald man sie jedoch in die Hand nehmen darf, setzt das Staunen ein. Der raue Stein reibt aneinander und klingt, als würden sich Steine zart liebkosen und streicheln. Die Kette wiegt überraschend schwer und ist in ihrer geometrischen Struktur doch erstaunlich leicht. Sie ist recht kühl, aber wenn man sie trage, sagt Pia, nehme sie die Körperwärme auf und speichere sie.



Mir wird sofort klar, warum der Verkauf dieser Kostbarkeiten über Bilder im Internet nicht gut funktioniert. Die Kunstwerke sprechen alle Sinne an. Den Hauptumsatz macht Pia auf Messen und Märkten. Die für ihre Branche wichtigste Messe in München, auf der sie einen Großteil ihres Jahresumsatzes erwirtschaftet, findet gewöhnlich im März statt. Sie wurde 2020 wegen Corona abgesagt. Pia fiel in ein bodenloses Loch.



„Ich bin wochenlang nicht mehr in mein Atelier.“ Jegliche Motivation war weg. Es gab keinen Grund mehr zu arbeiten. „Systemrelevant ist meine Arbeit ja nun wirklich nicht.“ Pia senkt den Blick und erinnert sich an die Zeit des Lockdowns. Sie verließ kaum die Wohnung. „Das Gute war, mein Freund hat einen "systemrelevanten" 9 to 5 Job. Ich hatte ein paar Rücklagen. Wir konnten die Miete bezahlen und hatten zu essen. Für anderes konnten wir ja eh kein Geld ausgeben. Aber ich wusste wirklich nicht, was ich mit meiner Arbeit noch anfangen sollte.“



Ich frage sie, wie sie denn dazu gekommen war, mit dieser Arbeit überhaupt zu beginnen. „Nach zwei Jahren Studium der Linguistik, die mich nicht erfüllt hatten, habe ich gemerkt, dass ich lieber mit meinen Händen arbeite und kreativ werden wollte.“ Sie blickt auf und ihre Augen beginnen zu funkeln. Es war ihr Wunsch, ihrer Schaffenskraft Ausdruck zu verleihen. Aufgewachsen in Wien ging sie zur Ausbildung nach Idar Oberstein. „Meine Ausbildung war großartig. Ich liebe meine Arbeit. Es ist oft wie eine Art Meditation.“


„Machst du die Arbeit nur für dich?“ frage ich sie. „Nein“, kann sie direkt antworten. „Als der Lockdown verhinderte, dass ich meine Sachen ausstellen konnte, wurde mir klar, wie wichtig mir der Kontakt zur Welt ist. Meine Kunstwerke sind für Menschen gemacht. Sie wollen jemanden finden, der sie schön findet, der sie liebt und wertschätzt. Der Schaffensprozess ist das eine. Aber die Rückmeldung, die Anerkennung der Arbeit ist genauso wichtig. Ohne diese hätte meine Arbeit keinen Sinn.“



„Allein davon leben geht noch nicht.“ Sie meint damit die Zeit vor Corona. „Ich hatte schon immer einen Nebenjob in der Gastronomie.“ Der sei für die Abwechslung und sorge für ein solides Grundeinkommen. Aber auch damit war wegen Corona erstmal Schluss.



Inzwischen arbeite sie wieder in der Gastronomie. Das sei schon mal gut. „Im August hatten wir eine großartige Ausstellung in Regensburg. Eine Galerie stellte meine Arbeiten aus, zusammen mit den Arbeiten von fünf KollegInnen. Die Rückmeldungen waren super.“ Das gab ihr wieder Schwung, ihre Arbeit fortzusetzen. Aber es ist nicht mehr so wie früher. Etwas hat sich verändert.



„Ich denke darüber nach, mir ein zweites Standbein zu schaffen. Gastro kann ich nicht ewig machen. Auch das zweite Standbein sollte eine sinnvolle Arbeit sein. Umweltbildung würde ich gerne machen. Mal schauen wohin das führt.“



„Warum fokussiert du dich nicht auf den Ausbau deines Handwerks?“ Sie wirkt entschieden: „Ich muss raus aus dem wirtschaftlichen Druck, verkaufen zu müssen, um zu überleben. Das blockiert meine künstlerische Arbeit sehr. Was mache ich, wenn nochmal ein Lockdown kommt? Was mache ich, wenn keine Messen mehr stattfinden dürfen? Was mache ich, wenn ich mal nicht genug verkaufe? Es soll mir nicht nochmal den Boden unter den Füßen wegziehen.“



„Wenn ich arbeite, will ich ohne Sorgen und frei arbeiten können. Ohne Angst. Dann werden die Dinge schön.“



Vielen Dank für das Gespräch und die Gelegenheit, dich und deine Arbeit zu fotografieren.


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Die Fotografin Lilli Breininger studierte Fotojournalismus in Hannover. Sie erzählt gerne Geschichten mit ihren Fotos, zurzeit die von KünstlerInnen "in Corona". www.lillibreininger.de

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