Bei Naturkost Mutter Erde

Ein Interview mit Christine Flohr, Inhaberin des Naturkostladens Mutter Erde in Saarbrücken von Mitte Mai 2020 Von Antonia Witt


Foto: Antonia Witt


Antonia Witt (AW): Kannst Du bitte kurz etwas zu den Anfängen von Mutter Erde sagen? Gegründet wurde Naturkost Mutter Erde Ende der 70er Jahre von einem einzigen Mann. Es war der erste Bioladen in Saarbrücken, damals noch in der Mainzer Straße. Circa ein, zwei Jahre später wurde die Ringelblume gegründet, heute noch ein kleiner Bioladen im Nauwieser Viertel. In den 80er Jahren entwickelte sich Mutter Erde hin zu einem Studentenkollektiv. Ich erinnere mich noch genau an Einkaufstüten aus dieser Zeit mit der Aufschrift „Ein Laden ohne Chef“. Es gab insgesamt sechs Mitglieder des Kollektivs. Als ich 1996 zu Naturkost Mutter Erde kam, waren sie dort nur noch zu viert tätig, mit einer Angestellten. Ab Mitte der 90er Jahre enstanden auch die ersten Biofrischmärkte in Saarbrücken.


Hieß das Geschäft schon immer Naturkost Mutter Erde? Der Name stand von Anfang an. Ende der 90er Jahre wollten wir den Namen ändern, weil wir dachten, es wäre nicht mehr modern. Doch es gab einen großen Aufschrei bei unseren Kunden. Also blieb es dabei. Mutter Erde kennt man heute in Saarbrücken, im positiven Sinn. Und es passt ja auch. Aus der Erde kommt alles Gute, was uns ernährt. Mutter Erde, Rapunzel oder Sonnenblume waren damals typische Namen in den 68er, 70er Jahre Bewegungen. Es gab damals viele Menschen, die zuerst politisch gekämpft hatten, sich dann aber entschieden, konkret etwas im Leben zu bewegen. Ein Teil der Szene ging dann in den biologischen Landbau, einige gründeten Naturkostläden.

Mit welcher Motivation bist Du 1996 zu Naturkost Mutter Erde gekommen? Ich war vorher Logopädin und habe zehn Jahre hier in der Kinderklinik gearbeitet. 1992 bekam ich einen Hörsturz. Von da an war klar, ich möchte nicht mehr in meinem ursprünglichen Beruf arbeiten. 1989 fing ich an, in der Ringelblume samstags auszuhelfen. Meine erste Motivation war „Kaufladen spielen“, Kasse drücken, Käse schneiden und abwiegen. Ich hatte Spaß am Verkaufen. Aber da war natürlich noch mehr.


Bei der Ernährung war für mich zum Beispiel schon immer wichtig, dass ich Lebensmittel möglichst ohne Konservierungsstoffe und welche, die einfach gehalten sind, zu mir nehme. Hinzu kommt, dass ich die Produktion in der Region in Deutschland gerne unterstütze und ich die Produktionskette gerne transparent habe, damit ich weiß, woher die Sachen kommen. Stichwort: echte Regionalität. Also im Umkreis von maximal 150 Kilometern. Nach circa einem dreiviertel Jahr hat es sich ergeben, dass ich bei Mutter Erde einsteigen konnte.


Gerade die kleineren Biobauern brauchen auch einen Absatzmarkt, denn sie schaffen es oft nicht, ihre Produkte selbst noch auf einem Markt zu vermarkten. Andererseits brauchen sie auch einen Fürsprecher, warum das Produkt genau diesen Preis hat.

Was macht Dir heute bei Mutter Erde am meisten Freude? Das erste, was ich gemacht habe, seit ich hier seit 2019 alleinige Inhaberin bin, war, zwei Bänke vor die Tür zu stellen. Den Menschen eine Möglichkeit zu geben, wo man einkaufen kann und sich vor der Tür treffen und erzählen kann, ist mir wichtig. Sich hier im Laden zu treffen, um etwas zu erzählen, ist schwierig, weil es so eng ist.

Einmal im Monat, samstags, haben wir einen Probiertag, bei dem nach Rezept gekocht wird, sodass es nachgekocht werden kann. Und wir stellen Blumen vor die Tür. In den Sommermonaten haben wir wunderschön gebundene Sträuße von einer Frau im Saarland. Ihr Vater hatte eine Demeter-Gärtnerei im Mandelbachtal. Von dort kommen die Blumen. Wir verkaufen auch biologisches Saatgut und Tomatenpflanzen.


Was mir noch Freude bereitet sind die Menschen, die hier im Geschäft beschäftig sind. Es sind besondere Menschen. Die meisten von ihnen sind einfach zur richtigen Zeit in die Mutter Erde gekommen. Selten musste ich nach Angestellten suchen. Das ist bisher immer gut gelaufen. Es sind tolle Leute, die hier gerne und nicht nur wegen des Geldes arbeiten. Regelmäßig machen wir auch Mitarbeiterschulungen. Ich versuche mich in die Menschen einzufühlen, gerade, wenn sie bestimmte Sachen nicht so machen, wie ich es denke.


Als ich zum ersten Mal in der Naturkost Mutter Erde war, kam mir der Begriff Geborgenheit. Geht es Dir ähnlich, wenn Du hier tätig bist? Als Inhaberin trage ich natürlich die Verantwortung, einen Rahmen zu schaffen, wo die Menschen gerne einkaufen und natürlich meine MitarbeiterInnen ihr Gehalt bekommen. Daher ist der Begriff Geborgenheit für mich persönlich zu statisch, es muss etwas in Entwicklung sein.


Foto: Antonia Witt


Geborgenheit ist für mich etwas Umhüllendes, etwas Weiches, Warmes, wo man sich gut ausruhen kann. Manche MitarbeiterInnen bleiben hier sehr lange tätig, so dass ich sie manchmal regelrecht „rausschubsen“ muss, wenn es besser ist, dass dieser Mensch zum Beispiel noch eine Ausbildung macht, weil auf Dauer der Stundenlohn hier leider doch etwas wenig ist. Vielleicht ist es hier für manche Mitarbeiter etwas zu kuschelig. Ich versuche immer ein Stück weiterzudenken.


Energetisch, meine ich, ist der Laden ein guter Ort: Die Mutter Erde gibt es schon lange. Auch das denkmalgeschützte Gebäude hier von 1897 spielt sicher eine Rolle. Wir haben wenig große Fenster. Alles ist eher nach innen gerichtet. Ich denke auch, dass es hier eine Kraft gibt, die sagt: „Hier bist du am richtigen Ort.“ Ich hatte nicht die Absicht, das so zu gestalten. Das hat sich so entwickelt.


Gibt es für Dich innere und äußere Geborgenheit? Geborgenheit hat ja auch was mit Vertrauen zu tun, ein Ort, wo ich mich ganz „fallen lassen“ kann… Durch die äußeren Gegebenheiten entsteht hier bestimmt ein Gefühl des Geborgenseins, das kann gut sein. Geborgenheit hat für mich aber auch etwas Kindliches und ich denke da zuerst an ein Baby, rundumgeborgen in allem. Je größer das Kind wird, umso mehr möchte es rausblicken und die Welt erforschen. Wenn ich hier morgens herkomme, fühle ich mich sehr wohl und ich weiß genau, das habe ich für mich gefunden, da will ich auch nicht mehr weg.


Was wünscht Du Dir für die Zukunft des Naturkostladens Mutter Erde?

Ich wünsche mir die Möglichkeit der Weiterentwicklung, dass der Prozess weitergeht, dass der Laden sich verändert und nicht stehen bleibt, so dass es auch ohne mich gut funktionieren kann. Ich suche einen neuen Teamplayer, eine Geschäftspartnerin oder einen Geschäftspartner. Vor zwei Jahren wollte ich nur eine Person, die Freude hat, den Laden mit mir zusammen zu führen, egal wie alt. Jetzt suche ich jemanden aus den Generationen vor mir, die Spaß daran hätten, Naturkost Mutter Erde zu übernehmen und in in die Zukunft zu führen, wodurch ich mich langsam herausziehen könnte.


Vielen Dank für das Gespräch. Ich danke auch.


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Auf 65 m² bietet Naturkost Mutter Erde ein vielfältiges Angebot biologischer Lebensmittel aus der Region an.

Foto: Antonia Witt


Christine kauft ihre Ware bei dem Bio-Großhändler Dennree ein, bietet viele Demeter-Produkte an und bezieht ihre Zitrusfrüchte von solidarischen Landwirtschaften in Griechenland und aus Sizilien.

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Naturkost Mutter Erde war der erste Bioladen in Saarbrücken. Seit seiner Gründung ist der Laden insgesamt dreimal umgezogen. Der Beginn war in den 1970er Jahren in der Mainzer Straße. In den 1990ern zog er in die Innenstadt. Zuerst in das Antiquariat neben dem heutigen Standort, schließlich in die Türkenstraße 15, wo der Laden bald 25 Jahre das Türklingelchen läuten lässt. Der Standort ist zentral, in Saarbrücker 1B-Lage, in einem ruhigen Viertel, nahe des Sankt Johanner Marktes.

Foto: Antonia Witt


Es ist schon ein kleines Wunder, dass Naturkost Mutter Erde noch besteht. Dass es Menschen gibt, die dieses Konzept schätzen, diese Kleinheit und das Persönliche, dass man die Türklinke herunterdrücken muss, um einzutreten…

Christine Flohr ist 60 Jahre alt, Mutter und Inhaberin von Naturkost Mutter Erde in Saarbrücken. Am 1. Januar 1996 arbeitete sie dort zum ersten Mal. Bis 2018 führte sie den Laden zusammen mit Benno Kirsch. Seit Dezember 2019 ist sie alleinige Inhaberin des sympathischen Bioladens.

Initiative „Keime für die Zukunft“

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