Über die letzte Phase im Leben

Was bedeutet es alt zu werden und zu sein? Welche Herausforderungen bringt das Alter mit sich und wie begleitet man Menschen auf den letzten Schritten ihres irdischen Lebens. Ein Gespräch mit dem Vorstand von anders alt werden e.V. - über den Kreislauf des Lebens, den Abschied und die Jugend.

Ein Interview von Antonia Amrei Witt

Bild: pixabay.com


Über den Verein anders alt werden


1999 wurde der Verein anders alt werden gegründet, allerdings trug er da noch den Namen Verein für zukünftige Lebensgestaltung im Alter e. V. Prägend dafür waren Gedanken, was es heißt, älter zu werden und wie man im Alter weiter aktiv bleiben kann. Gleichzeitig bestand zur damaligen Zeit ein starkes Suchen danach, sich Gedanken zu machen, was Leben und Sterben bedeutet.


Es entstand so die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens: In individuellen Räumlichkeiten eines großen Hauses zusammen alt werden. Ein Therapeutikum mit verschiedenen Therapien wie Eurythmie oder Physiotherapie sollte dem angegliedert werden. Innerhalb des Vereins gab es das Streben danach, einen Ort zu finden, an dem das Geistesleben der Personen gestärkt und an dem inhaltlich und medizinisch anders miteinander gearbeitet wird.


Es sollten Begegnungen stattfinden, die durch das anthroposophische Menschenbild geprägt sind. In verschiedenen Städten, darunter Überlingen, Bielefeld, Frankfurt und Stuttgart, wurden Erkundigungen bei anderen Projekten über deren Erfahrung mit dem gemeinschaftlichen Wohnen eingeholt. Es gab auch Ansätze architektonischer Pläne für ein Haus des gemeinschaftlichen Wohnens.


In verschiedenen Arbeitskreisen des Vereins wurde zu diesen Themen ernsthaft gearbeitet (z.B.: Gemeinschaftliches Wohnen, Grundlagen der Anthroposophie, das Sterben, das Leben nach dem Tod, Finanzen, Vorstandsarbeit etc.). Vielfältige Impulse gingen aus diesen Arbeitskreisen hervor.


Die Idee der demokratischen Mitarbeit war stets präsent. So gab es einen großen und einen kleinen Initiativkreis und einen Vorstand mit sehr vielen Beiräten. Grundlage für die Arbeit in den Gremien und in der aktiven Gestaltung des Organismus war das Anliegen der Entwicklung eines Ausgleichs zwischen „ Herz- und Kopfkräften“. Die Initiativkraft des Vereins blieb so lebendig.


Im weiteren Verlauf der Vereinsgeschichte kam es 2008/2009 zu einer Krise. Es wurde ersichtlich, dass aus den vielen Arbeitskreisen keine gemeinsame Initiativkraft hervorging, um ein großes Projekt wie das des gemeinschaftlichen Wohnens tatsächlich zu starten. Die Kräfte von „Herz und Kopf“ innerhalb des Vereins waren aus dem Gleichgewicht geraten. Während einer Mitgliederversammlung wurde klar, dass der Verein kein Haus aus Stein bauen würde. Im Zuge dieses Umbruchs traten viele Mitglieder aus dem Verein aus.


Heute bietet der Verein anders alt werden einen Besuchsdienst im niederschwelligen Angebot für ältere Menschen an. Es geht darum, die Gemeinschaft im Alter weiter zu stärken, empathische Verbindungen zwischen den Menschen aufzubauen mit dem langfristigen Ziel eines ambulanten Pflegedienstes im Sinne des anthroposophischen Menschenbildes.


Mehr Information zu dem Verein anders alt werden gibt es hier .

Das nachfolgende Interview mit dem Vorstand von anders alt werden wurde am 24.03.2021 in Saarbrücken geführt, es fand im Freien statt und mit Abstand zwischen den Teilnehmer*innen.


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Antonia Witt: Es hieß, dass du, Ute, kurz nach der Gründungsphase dem Verein anders alt werden beigetreten bist. Darf ich dich bitten, dazu etwas zu erzählen?


Ute Seibert: Die Initiativkraft ging damals von einem kleinen Kreis aus. Das waren Menschen, die den Impuls des miteinander Wohnens und anders-alt-werdens aus ihrem anthroposophischen Menschenbild heraus gerne auf den Weg gebracht hätten. Denn zu der Zeit war uns klar, dass wir später nicht in Altenheimen alt werden wollten. Daher kommt der Gedanke des anders-alt-werdens, also in Wohngemeinschaften mit Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und Kompetenzen austauschen.


Christian Schwartz: Im Verein beschäftigte uns zu jener Zeit der Gedanke von „50-plus“ und uns war klar, dass wir aktiv werden und gemeinsam etwas aufbauen müssen. Wir wollten gedanklich weiter miteinander arbeiten und zum Beispiel künstlerisch aktiv sein. Durch den Austausch sollte das Geistesleben in einem selbst gestärkt werden, sodass man im Alter nicht hinten abfällt.


Reinhold Kirch: Die Idee des gemeinsamen Wohnens konnten wir aber aus verschiedenen Gründen nicht realisieren. Irgendwann hatten wir dann den Gedanken eines Besuchsdienstes mit dem langfristigen Ziel einen ambulanten Pflegedienst aufzubauen. Das Problem bei unserem Verein ist aber, dass wir alle schneller alt werden, als gedacht. Lacht.


Birgit Kirch: Ende 2011 gab es dann eine Mitgliederversammlung, bei der wir eine Satzungsänderung beschlossen haben, dass wir nicht mehr ein Wohnprojekt als satzungsgemäßes Ziel anstreben, sondern einen ambulanten Pflegedienst gründen wollen. Dem Ziel sind wir aber noch nicht richtig nähergekommen, weil wir eine Pflegedienstleitung brauchen, die bereits fünf Jahre Berufserfahrung hat und anthroposophisch ausgebildet ist.


Antonia: Man kann also alt werden und man kann anders alt werden. Bitte beschreibt das.

Georg Siryj: Ich hatte einmal gesagt, es sollte nicht heißen „anders alt werden“, sondern „länger jung bleiben“.

Antonia: Und wie bleibt man lange jung?


Georg: Das sogenannte anthroposophische Menschenbild wurde unserer Tätigkeit zugrunde gelegt. Der Anthroposophie kann man sich nur annähern, wenn man es wie eine Art Hunger oder Durst empfindet. Tatsächlich. Dann ist das ein klarer Weg.

Ute: Wir betrachten uns selbst im Sinne des anthroposophischen Menschenbildes. Also den alten Menschen nicht an seinen Defiziten zu bemessen, sondern an den Ressourcen. Die herkömmlichen Pflege- und Wohnmodelle gehen immer von dem aus, was nicht mehr funktioniert und nicht mehr da ist. Den Ehrenamtlichen, die wir jetzt im niedrigschwelligen Angebot schulen, vermitteln wir, die persönlichen Belange eines Menschen zu sehen und keine Form überzustülpen. Es geht um die Fähigkeit des Begleitens und um das Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Und darum, wie die Menschen miteinander in die Begegnung gehen, also diese Feinfühligkeit mit den Menschen in Resonanz zu gehen und zu sehen, was stimmig ist.


Antonia: Wenn man berücksichtigt, dass der Tod eine Geburt in die geistige Welt ist, dass jedem Menschen gegenüber eine liebevolle Beziehung eigentlich Voraussetzung sein müsste, was heißt es dann, ältere Menschen während des Sterbens zu begleiten?


Georg: Ich kann von mir sagen, dass ich immer nur sehr kranke, nicht alte Menschen begleitet habe. Das ist eine andere Situation. Bei diesen Menschen war der Schmerz und nicht der Tod im Vordergrund.


Christian: Also mehr die Frage danach, warum bin ich eigentlich krank.

Georg: Es ist die Frage nach dem Gesundwerden, unabhängig vom Körperlichen. Da hab ich gemerkt, dass das Seelische von dem Kranken mitgerissen und festgehalten wird. Dann entstehen Aggressionen und all die anderen unschönen Dinge. Ohne eine Art Selbsterziehung wird es besonders in solchen Situationen schwer.


Ute: Wir sterben im Leben viele kleine Tode. Viktor Frankl sagte, dass man das Leben so sehen kann, dass mit jedem Einatmen und Ausatmen ein kleiner Tod gestorben wird. Wenn ich mir das bewusst mache, auch innerhalb der Biographiearbeit, was waren die kleinen Tode, die ich gestorben bin und wie bin ich damit umgegangen, wie habe ich mich da wieder regeneriert und Lebensmut und Lebensfreude geschöpft, dann kann das am Ende des Lebens sehr helfen. Wenn ältere Menschen eine Unterstützung haben können, die sie dort abholt, wo der einzelne Mensch gerade steht, wenn also eine Begleitung auch die Trauer mit aushalten kann, die in dieser Phase des Lebens oft besteht, dann wird der eine wie der andere sehr beschenkt.


Christian: Als mein Vater sich gelöst hat, habe ich eine tiefe Erfahrung gemacht. Er hat richtig gekämpft und gerungen und mir war klar, der muss noch etwas abarbeiten. Dieser Kampf wurde aber durch die Gabe einer Morphium Spritze abgeschnitten. Ich hätte eingreifen müssen, doch es ist mir zum damaligen Zeitpunkt nicht gelungen. Das Sterben eines Menschen ist sehr individuell. Meine Schwiegermutter zum Beispiel ist sanft vom Diesseits ins Jenseits entschlafen. Und bei jungen Menschen ist der Sterbeprozess noch einmal anders. Dazu hat auch Rudolf Steiner viele Hinweise gegeben.


Reinhold: Mit deinem heutigen Wissen, was hättest du denn bei deinem Vater anders gemacht?


Christian: Ich hätte nicht zugelassen, dass er diese Morphium Dosis bekommt. Ich hätte ihn fest an die Hand genommen, hätte ihn halbwegs umarmt und dann hätte er sich sicherlich beruhigt. Viele Menschen hatten zu diesen Zeiten Angst, einen Sterbenden überhaupt auch nur anzufassen. Ich denke, dazu ist im Vergleich zu damals, heute schon sehr viel passiert. Es gab damals sehr komische Vorstellungen von der Bestattung allgemein, über die Beziehung zum Verstorbenen oder was durch den Tod eigentlich passiert. Es war zum Beispiel nicht mehr so selbstverständlich, wie noch davor, dass der Verstorbene zuhause aufgebahrt wird.


Reinhold: Von meinen Verwandten weiß ich noch, dass sie in der guten Stube („in der Gudd Stub“) aufgebahrt wurden, da war es kühl und dort konnte sich jeder in Ruhe verabschieden. In den 60ern war es noch normal, dass die Menschen zuhause gestorben sind und dort nach dem Tod auch einige Tage blieben.


Antonia: Wolltest du vorher etwas sagen, Georg?


Georg: Mir geht immer wieder durch den Kopf, dass der Tod eine Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens ist. Wenn ich mich selbst frage, ich bin ja noch nicht so alt, dann fühle ich, dass ich noch nicht fertig bin. Ich habe hier noch eine Art Sinn zu erfüllen und das will ich auch. Wenn man stirbt, gibt man die Verbindung zum Leiblichen hin. Es ist eine Art zurücklassen. Das ist sehr schwierig. Denn die Identifikation mit dem Körper, dem Leib ist während des Lebens oft sehr stark. Wenn es fast zu stark ist, dann gibt es dafür Krankheiten. Das ist heute die Gefahr, dass man mit dem Physischen zu stark verbunden ist.


Birgit: Als meine Schwiegermutter im Alter sehr dement wurde, konnte ich damit nicht umgehen. Das war mir so fremd und erschreckend. Später habe ich mehrere Schulungen besucht und konnte dort sehr viel für mich lernen. Als meine eigene Mutter dann an Demenz erkrankte, konnte ich auf sie viel geduldiger und empathischer eingehen. Und die Zeit war für uns alle angenehmer. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Mutter durch die Arbeit in dem Verein auch besser zum Sterben begleiten konnte.


Antonia: Es gab neulich einen Filmbeitrag, in dem es darum ging, wie Musik auf demente Menschen wirkt. Man hat ihnen Musik vorgespielt, die sie früher gerne gehört haben und es war erstaunlich, dass diese oft so schläfrig wirkenden Menschen noch einmal präsent waren. Wenn man geistig fit im Alter sein kann, hat man schon viel erreicht.


Ute: Da muss man mit den Worten sehr vorsichtig sein. Geistig fit bezieht sich auf das Kognitive. Geistig heißt auch, wie kann ich mich wieder so vergeistigen, dass ich in die geistige Welt übergehen kann. Das steht schon in der Bibel: Werdet wie die Kinder, damit ihr eingeht in das Himmelreich. Also bedeutet es auch, wir können alten Menschen da eine Stütze sein. Zum Beispiel mit der Biographiearbeit, dass man den Menschen dort abholt, wo er gerade in seinem Vergeistigen, seiner körperlichen Degeneration ist. Sich von dem Irdischen zu verabschieden ist unheimlich komplex.

Georg: Eine Sache, die für mich da hineinspielt, ist die Frage nach der Schuld.Wenn die Menschen in ihrem Leben Schuld auf sich laden und dann vor dem Tod damit zurechtkommen müssen. Mein Vater zum Beispiel ist mit dem Hass im Herzen gestorben. Dabei ist das Verzeihen ein wichtiger Prozess. Dieses „Vergib uns unsere Schuld“. Denn Verzeihen ist ein Sterbeprozess.


Ute: Wenn man das Gefühl hat, Schuld auf sich genommen zu haben, hat man vielleicht die Möglichkeit, das Gegenüber danach zu fragen, ob es das auch so sieht. Erst im Rückblick kann man bestimmte Dinge bewerten. In der Situation werde ich es nach bestem Wissen und Gewissen tun.


Reinhold: Ich ärgere mich, dass ich meinen Vater nicht mehr gefragt habe. Also mich neben ihn zu setzen und zu sagen, erzähl doch mal. Das wird mir in meinem Alter jetzt bewusst, dass ich da etwas versäumt habe. Man denkt, das Leben geht immer so weiter, dass es aber eines Tages vorbei ist, hat man nicht im Bewusstsein.

Antonia: Meine nächste Frage ist, was das Alter für euch persönlich bedeutet.


Birgit: Man wird gelassener. Die Ansprüche werden immer weniger. Ich muss nicht mehr so viel konsumieren. Ich muss nicht mehr so viel in den Urlaub fahren. Ich kann mich an den kleinen Dingen erfreuen und versuche, das was ich um mich habe, so gut es geht zu genießen. Mit 60 bin ich aus dem Beruf raus und habe mir noch 20 Jahre gegeben. Davon habe ich nun schon neun verbraucht. Lacht.


Antonia: Lacht. So ein Mist.


Birgit: Es sind jetzt nur noch 11 da und so lange geht es nicht mehr. Die Frage ist dann, was noch wirklich wichtig ist und worüber ich mich gar nicht mehr zu ärgern brauche. Im Alter muss man vieles hergeben, sich verkleinern und die Frage stellen, wie man sein Geld einsetzt.


Reinhold: Mir ist wichtig, dass sich nicht immer alles um einen selbst dreht und man auch etwas für andere tut. Das erfüllt mich mit Zufriedenheit. Bei vielen älteren Menschen, die ich kenne, sind die einzigen Gedanken, wohin sie als nächstes in Urlaub fahren. Die empfinden die Pandemie jetzt als sehr schrecklich, weil es weniger äußere Ablenkung von sich selbst gibt.


Antonia: Christian, was denkst du denn zurzeit?


Christian: Ich versuche, das bei mir selbst nachzuvollziehen.Ich bin wahnsinnig neugierig auf alles und stehe jeden Morgen mit großer Freude auf.Das hat nicht nachgelassen. Weil ich so viel noch machen möchte, vergesse ich das Alter ab und zu. Ich denke auch nicht darüber nach, was alles Schlimmes passieren könnte. Bestimmte Betrübnisse tauchen im Alter aber doch auf. Die Haut ist zum Beispiel nicht mehr so frisch wie früher und muss mehr geölt werden. Früher habe ich viel leichtfertiger über Dinge gesprochen, obwohl ich sie gar nicht erfahren hatte. Heute bin ich da viel vorsichtiger.

Georg: Ute, du hast noch nicht gesagt, was das Alter für dich bedeutet.


Ute: Mich haben mein Leben und mein Job so geprägt, dass ich nichts auf die lange Bank schiebe und versuche im Hier und Jetzt zu leben. Die Arbeit mit älteren Menschen empfinde ich sehr bereichernd, auf eine seelische und geistige Art. Ich entdecke auch immer wieder, wie einzigartig das Gebilde Mensch doch ist.


Antonia: Wollt ihr zu dem Begriff der werktätigen Liebe* noch etwas sagen?


Birgit: Das geht wohl in eine ähnliche Richtung, wie das was wir im Besuchsdienst des Vereins tun. Ich habe mal eine alte Dame begleitet, sie war depressiv. Wenn ich weggegangen bin, wusste ich oft nicht, ob es ihr etwas gegeben hat. Aber manchmal konnte sie es formulieren, dass es sie sehr freut, dass ich da bin. Denn sie bekam wenig Besuch.


Ute: Wenn man es in die Richtung Selbstlosigkeit denkt, dann hat das selbstlose Tun auch immer etwas für einen selbst. Man bekommt immer wieder kleine Geschenke nichtmaterieller Art zurück. Das nährt uns auch.

Georg: Diese werktätige Liebe ist schon so ein Thema. Denn dieses Ernähren kommt durch eine bestimmte Haltung zustande. Wenn ich die nicht finde, schließt sich der Kreis nicht. Denn im Prinzip ist es ein Geben und Nehmen. Und dann bin ich richtig glücklich.Dabei muss ich mich schonungslos hinterfragen, mit wie viel Egoismus ich bestimmte Dinge für andere Menschen noch tue. Ich rücke mich immer wieder zurecht, dass ich nicht etwas „um-zu…“ tue.


Antonia: Was ich noch fragen möchte: Was ist der Wert des Alters. Also welche unsichtbare Bereicherung für die Gesellschaft geht von alten Menschen aus?

Reinhold: Für mich kann ich sagen, dass ich gelassener bin als früher. Das empfinde ich als einen Wert. Also ich lasse anderen Menschen ihre Überzeugung.


Christian: Ich bin immer neugierig auf die absolute Offenheit des Kindes. Eine Art Unbefangenheit ohne jeglichen Druck. Denn Kinder haben, wenn es gesund läuft, die absolute Freiheit.


Birgit: Aus der Anthroposophie weiß man, dass die Beziehung von jungen Kindern zu sehr alten Menschen sehr intensiv ist. Unsere Enkelin fühlt sich besonders zu Reinhold hingezogen, weil er so gelassen ist. Von ihm will sie auch viele Erzählungen hören, wie das früher alles so war. Das ist ein Privileg des Alters, weil man schon sehr viele Lebenserfahrungen gesammelt hat.


Antonia: Was könnt ihr aus eurer Erfahrung den jungen Menschen mitgeben und was ist euer Wunsch in Bezug auf den Verein anders alt werden?


Georg: Es hat mich als junger Mensch immer sehr erstaunt, was für ein Vertrauen mir meine anthroposophischen Lehrer*innen entgegengebracht haben. In der Art, dass ich das schon machen werde, mit dem was sie mir gegeben haben. Ich möchte in meinem Alter nun dieses Vertrauen für die jüngeren Menschen auch noch finden und sie nicht immer kritisieren. Für den Verein ist mein Wunsch, dass wir noch stärker an dem Menschenbild arbeiten und uns mehr mit der Selbsterziehung beschäftigen. Denn dieser Besuchsdienst ist wahnsinnig schwer für mich. Denn das ist keine aktive Tätigkeit, sondern es geht viel um zurückhalten, aushalten und da sein.

Christian: Ich wünsche mir für den Verein, dass dieser nicht funktional wird. Natürlich muss das alles organisiert werden, aber das Funktionale sollte nicht überdimensional werden. Denn es geht um diesen Wärmeprozess, der den Organismus zusammenhält. Den jungen Menschen, denen ich begegnet bin, möchte ich das klare Denken als Grundlage für das Gespräch empfehlen. Ich wünsche mir, dass ihre Tatkraft nicht erlahmt, sondern dass sie ihren Impulsen folgen, höher streben und nicht untergehen. Ich fand es immer sehr schlimm, wenn sich junge Menschen mit mächtigen Ideen in der Materialität des Daseins verloren haben. Den Mut dranzubleiben kann man aufbauen, in dem man meditativ und intuitiv arbeitet.


Reinhold: Ich denke, dass Freundschaften sehr wichtig sind. Wenn wir hier zusammen sind, ich empfinde euch als Freunde, dann bin ich motiviert, etwas für den Verein zu tun. Ohne euch würde ich die Lust verlieren, weiterzuarbeiten.


Ute: Worüber identifiziere ich mich? Das finde ich sehr wichtig, dass mehr Menschen hier eine Klarheit und ein Bewusstsein für sich selbst bekommen und das Gut der sozialen Kompetenz wertschätzen.


Birgit: Der anthroposophische Pflegedienst ist immer noch mein Ziel. Mittlerweile sind wir als Verein so weit zu sagen, dass wir uns vielleicht mit anderen Partner*innen zusammentun.

Christian: Eine Hürde, die es für uns als Verein auch zu nehmen gilt, ist das große Nachwuchsproblem. Es ist schwierig, junge Menschen zu finden, die sich mit der Idee des Vereins identifizieren können. Und gleichzeitig bereit sind, aktiv in der Vorstandsarbeit tätig zu werden, um den Verein zukünftig mitzugestalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Zu den Personen:


Birgit Kirch war als Waldorflehrerin in Saarbrücken tätig, ist Oma und die Frau von Reinhold. In der Vereinsarbeit ist sie mit vielen organisatorischen Aufgaben betraut, wie zum Beispiel den Infobrief an die Welt zu verschicken.


Reinhold Kirch möchte am liebsten „Buddy“ genannt werden und geht ganz in seiner Rolle als Opa auf. Er ist mit Birgit verheiratet und war früher als Soziologe, Schreiner und Sozialarbeiter tätig. Als Student ist er Christian schon an der Uni begegnet.


Christian Schwartz ist ebenfalls Opa und betreibt zusammen mit seiner Frau eine Buchhandlung in Bexbach. Er ist Redaktionsmitglied von Keime für die Zukunft und engagiert sich darüber hinaus vielfältig.


Ute Seibert lebt in Neunkirchen Saar, hat eine Pflegeausbildung sowie eine im kaufmännischen Bereich. Sie ist wesentliche Stütze des Vereins anders alt werden und Mitglied von proWAL, einem Zukunftsprojekt in Walhausen.


Georg Siryj`s familiäre Wurzeln liegen in der Ukraine und in Russland. Er hat lange Zeit in der Schweiz gelebt. Er ist als Heileurythmist tätig und sagt, dass er im Waldorf- und Christengemeinschaftszusammenhang viele Menschen in Saarbrücken kennt.

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* Rudolf Steiner beschreibt den Begriff der werktätigen Liebe als hingebungsvoll für andere tätig zu sein. Siehe Rudolf Steiner zu Furcht und Heilkraft, Rudolf Steiner in Basel am 5.Mai 1914, GA 154:

„Unsäglich reicher für die Menschheitszukunft könnte man wirken, wenn man den Menschen Vorstellungen überlieferte, durch die sie vom Materialismus weggebracht werden und zu werktätiger Liebe vom Geiste aus angespornt werden könnten. Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass dasjenige, was man direkt als Heilkraft der Geisteswissenschaft zu betrachten hat, wirken muss durch die menschliche Gemeinschaft.“